Mentalität ist eines der beliebtesten Worte in der Ukraine. Man braucht nur bedeutungsvoll zum Himmel blicken und „ukrainische Mentalität“ sagen, schon bekommt man Aufmerksamkeit, jedem fällt etwas zu diesem grenzenlosen Thema ein.

Es ist bekannt, dass die ukrainische Mentalität für alles Schlechte verantwortlich sein soll. Etwa für die Korruption. „Gestohlen wurde schon immer!“ Oder für die Gleichgültigkeit gegenüber Ereignissen außerhalb der eigenen Wohnung. „Was soll sich zum Guten ändern, es ist doch egal, welche Diebe regieren?!“ Oder für leichtsinniges und gefährliches Autofahren; für stumme Verkäuferinnen und Kellnerinnen. Auch erklärt die Mentalität gewisse Schwierigkeiten mit der Pünktlichkeit – Ukrainer träumen eben gern und Zeit kostet nichts, wo die Löhne und Gehälter so gering sind. „In der Sowjetzeit wurde Unpünktlichkeit hart bestraft, etwa Bummelei am Arbeitsplatz, jetzt genießt man die Freiheit!“

Doch die ukrainische Mentalität soll auch für viel Gutes verantwortlich sein. Für die Herzlichkeit, die Gastfreundschaft, das Streben nach Freiheit und die Bereitschaft, das eigene Leben für eine bessere Zukunft der Kinder zu riskieren. Und nicht zu vergessen für die Fähigkeit zur Selbstorganisation, wie sie bei der Maidan-Revolution zu sehen war. „Ohne Polizei und ohne zentrale Macht kommen Ukrainer noch am besten aus! Kosaken brauchen keine Herren, sie wählen Anführer, die Rechenschaft ablegen müssen!“

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Um die ukrainische Mentalität abzugrenzen, verwendet man den ebenfalls sehr populären Begriff der sowjetische Mentalität. Für jüngere und moderne Menschen, für mich und die meisten meiner ukrainischen Freunde, ist sie ein Schreckgespenst. Etwas, das Zahnschmerzen auslöst und verspottet wird. Kritiklose Unterordnung unter die meist männliche Autorität, Geschrei statt Höflichkeit, auf die Straße rotzen, Gehässigkeit und Humorlosigkeit, die Sehnsucht nach einem brutalen Führer, der Ordnung schafft, also Menschen bestraft, ausweisen oder töten lässt, das alles wird mit der sowjetischen Mentalität im schlechtesten Sinne assoziiert.

Ältere Zeitgenossen werden vielleicht anmerken, dass in der Sowjetunion die Menschen einander mehr geholfen hätten als heute, es hätte mehr Solidarität geherrscht, das sei das Gute an der sowjetischen Mentalität gewesen. Diese Aussage passt allerdings nicht zum staatlich organisierten Spitzelwesen, zum System der Straflager und Massenhinrichtungen, zu den Deportationen und Zwangsumsiedlungen. In der Sowjetunion wurden bekanntlich auch Kinder als Helden gefeiert, die ihre Eltern denunziert hatten. Und alle (mir) bekannten Untersuchungen und soziologischen Experimente zeigen, dass der Homo sovieticus kein neuer, heroischer und besonders hilfsbereiter Mensch war, sondern eine verkniffene, gehässige, misstrauische und freudlose Erscheinung. Der Homo sovieticus liebt Verbote, er ist ein verklemmter Kleinbürger, der freieren Menschen die Räusche und das Glück missgönnt.

Einen noch schlimmeren Ruf als die sowjetische Mentalität hat für viele Ukrainer die heutige in Russland verbreitete Mentalität, die russländische. Sie zeichnet sich angeblich durch alle schlechten sowjetischen Eigenschaften aus, außerdem durch nationalistischen Fanatismus - „Russland ist die stärkste Nation der Welt!“ - und leider auch durch die Bereitschaft, Ukrainer zu töten, weil die ihren eigenen Weg gehen wollen. Angeblich sei diese russländische Mentalität genetisch bedingt und in der langen Herrschaft der Mongolen herangereift, wird gern erzählt.

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Natürlich ist eigentlich allen klugen Menschen klar, dass mit dem Begriff der Mentalität nur Klischees benannt werden können. Schließlich denken, fühlen und handeln nicht alle Menschen gleich, nur weil sie im gleichen Land leben oder gleiche Sprachen sprechen. Schon Geschwister sind bekanntlich unterschiedlich, trotz gleicher Eltern.

Vielleicht gibt es so etwas wie Mentalität gar nicht. Vielleicht ist es nur eine bequeme Erklärung für ungenaues Denken, ein metaphysisches Hirngespinst, das der Unterhaltung dient? Wenn mir Ukrainer jedenfalls die angebliche Mentalität der Deutschen erklären, muss ich meistens schmunzeln. Solche idealen Deutschen habe ich selten getroffen. Sie sollen die Ordnung lieben, fleißig, pünktlich, diszipliniert und nachdenklich sein, alles planen und berechnen, immer den Müll trennen und keinen Müll in den Wald werfen und vor allem nicht schreien und nicht betrunken auf der Straße umher torkeln.

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Aus Höflichkeit verschweigt man einem Deutschen gegenüber natürlich die negativen Attribute, die man der deutschen Mentalität ebenfalls andichtet. Demnach sollen die Deutschen das Putzen und Reinigen fanatisch lieben und sehr geizig sein. „Sie zählen jede Kopeke, und wenn Gäste kommen, stellen sie nur Brezeln auf den Tisch, statt den Kühlschrank leer zu räumen!“

Die konkreten Lebensumstände werden mit dem Begriff der Mentalität oft ignoriert. In Ländern oder Gegenden, in denen es keinen Massentourismus gibt, werden die Einheimischen einen Fremden natürlich häufiger einladen als am Strand von Mallorca oder in Berlin auf dem Alexanderplatz. Wo die Polizei korrupt und das Vertrauen in staatliche Institutionen gering ist, wird man Konflikte häufiger „auf männliche Art“ lösen. Und wo Wodka und Zigaretten billig sind, trinkt und raucht man mehr, als dort, wo diese Produkte hoch besteuert werden.


Über den Autor:
Christoph Brumme, geb. 1962 in Wernigerode (DDR), verfasst Romane und Reportagen u.a. über seine Fahrradreisen von Berlin an die Wolga und zurück. Seit dem Frühjahr 2016 lebt er in der ostukrainischen Stadt Poltawa.