Ein heißer Sommertag, ich besuche mal wieder die Arbeiter in der bankrotten Brotfabrik von Poltawa. Sie haben noch immer nicht die ausstehenden Löhne der letzten Monate bekommen. Aber nun wurden an jeden 120 Griwna Fahrgeld ausgezahlt, umgerechnet vier Euro, damit sie auch weiterhin zur Fabrik fahren können, um dort weiterhin nichts zu tun.

Seit zwei Monaten arbeitet bereits ein neuer Direktor, manche der Arbeiter haben ihn schon von weitem gesehen. Heute Morgen um neun Uhr wollte er wichtige Neuigkeiten mitteilen. Jetzt ist es elf Uhr, und „über drei Ecken“ war zu erfahren, dass der Direktor wohl noch in Kiew sei.

Die Arbeiterin Natalja hat sogar seine Handynummer, aber sie will ihn nicht anrufen. Der Gewerkschaftsvorsitzende Genadi hat keinen Kontakt zu ihm. Der stellvertretende Direktor weiß von nichts und kann nichts entscheiden. Also warten alle. Arbeitslosenhilfe oder Arbeitslosengeld bekommen sie nicht.

1799

Der neue Direktor lebt in Kiew mit seiner Familie, heißt es. Bestimmt setzt er sich jetzt für die Arbeiter ein, berät mit Juristen, wie die Fabrik entschuldet werden kann. Der alte, vom Ministerium in Kiew eingesetzte Direktor hat 42 Millionen Griwna Schulden hinterlassen. Eigentlich hatten alle gehofft, dass die Fabrik in drei Wochen wieder arbeiten kann. Wozu sonst wurden das Fahrgeld gezahlt? Die Arbeiter erwarten gar nicht, die Löhne der letzten fünf Monate zu erhalten. Dieses Geld hat ja der letzte Direktor geklaut. Weg ist weg.

Vorige Woche haben sie schon alles für die Produktion vorbereitet, die Maschinen und Hallen und sogar die Fenster geputzt. Doch ein Arbeiter schimpft. Vor der Banja wurde geraucht, dort liegen Zigarettenkippen auf der Fensterbank. „Früher wurde dort nicht geraucht! Was soll der neue Direktor denken?“

Außerdem wurde ein Kabel geklaut, behauptet der Arbeiter. Er verweist auf eine andere bankrotte Brotfabrik, wo angeblich nichts geklaut wurde. „Ordnung am Arbeitsplatz! Wir zeigen Disziplin, indem wir warten!“ Einige Frauen verspotten ihn. Wie soll man denn diszipliniert warten? Zuerst sollen die Direktoren diszipliniert arbeiten und pünktlich zu Verabredungen kommen!
Sie jedenfalls warten schon fünf Monate lang und erscheinen jeden Tag zur Arbeit. „Aus Patriotismus!“, spottet eine Frau. „Jeder hat seine persönlichen Gründe“, erklärt die Arbeiterin Natalja, die die Handynummer des Direktors besitzt. „Mir selbst fehlen noch zwei Jahre bis zur Rente.“

1798

Sie haben schon viele Briefe geschrieben, ans Ministerium in Kiew, an den Gouverneur von Poltawa. Die örtliche sozialdemokratische Partei veröffentlichte eine Erklärung, in der sie sich mit den Arbeitern solidarisierte. Ein Vertreter der Nationalisten besuchte die Arbeiter und versprach, sich für die Anliegen der Arbeiter einzusetzen. Auch blockierten die Arbeiter ein Mal für einige Minute eine Straße, schön brav auf dem Fußgängerüberweg, um öffentlichen Druck zu erzeugen. Die wichtige Online-Zeitung Poltawschina veröffentlichte drei kurze Meldungen über den Bankrott und die Proteste. Der Gouverneur beteuerte, er habe von den Problemen der Fabrik nichts gewusst. Die Fabrik gilt immerhin als strategisch wichtiges Objekt, sie soll im Not- und Kriegsfall Poltawas Bevölkerung mit Brot versorgen.

Außerdem wurde hier das beste Mehl der Ukraine gemahlen, versichern die Arbeiter, sogar in arabische Länder wurde es exportiert. Sie schimpfen über die Korruption im ganzen Land. „Die Wälder in den Karparten werden abgeholzt und nach Rumänien über die Grenze gebracht, dort stehen die Möbelfabriken, und wir kaufen die Möbel drei Mal teurer! Gold, Bernstein, Zigaretten, alles wird geschmuggelt! Wenn bei uns keine Möbelfabrik ehrlich arbeitet, ist es doch kein Wunder, dass wir nur Holz verkaufen!“

Der Mann, der die Zigarettenkippen in der Banja kritisierte, fordert „eine strenge Hand“ für die Ukraine, einen wie Lukaschenko. Man solle nach Belarus sehen, dort seien die Straßen besser. „Aber bei uns schmeißt man Flaschen auf den Asphalt!“

Wir sitzen im Hof der Fabrik im Schatten. Gegenüber an der Wand ist eine Uhr, ihre Zeiger bewegen sich nicht, es ist immer zehn Uhr dreiunddreißig. Vielleicht, weil an die Fabrik kein Strom geliefert wird? Jedenfalls ist es ein passendes Symbol, die Zeit steht still.

1797

Am nächsten Tag die große Überraschung - der Direktor ist gekommen! Einer der Arbeiter ruft mich an. Ich will gleich in die Fabrik fahren, um den Direktor zu interviewen, aber da ruft der Arbeiter wieder an. Der Direktor sei schon wieder weggefahren. Aber am Donnerstag will er wiederkommen. Zwei Stunden später der nächste Anruf. Nun ist der Direktor doch gekommen, und er ist sogar bereit, mit mir sprechen.

Der Vorsitzende der Gewerkschaft führt mich in sein Büro. Angenehm kühl ist es dort. Der Direktor heißt Oleg Antonowitsch und ist ein sechsunddreißigjähriger, großer Mann. Ich gratuliere ihm natürlich zu seiner interessanten Aufgabe, diese legendäre Fabrik leiten zu dürfen. Er hat schon in Mirgorod zwei Jahre lang eine Brotfabrik geleitet, die ebenfalls bankrott gewesen war, erklärt er.

Und er hat ausgezeichnete Neuigkeiten. Heute ist schon der erste offizielle Arbeitstag der Fabrik! Fast hätte er heute schon 300 Tonnen Getreide gekauft. Die Händler seien bereit, wieder Geschäfte mit der Brotfabrik zu machen. Wenn die Arbeiter jetzt drei Wochen umsonst arbeiten, sollen auch wieder Löhne ausgezahlt werden.

Oleg Antonowitsch findet sogar die Idee interessant, einen Dokumentarfilm über die Brotfabrik zu drehen. „Aber erst, wenn die Arbeiter zufriedene Gesichter zeigen!“, meint er.

Die Arbeiter, die wieder im Hof sitzen und warten, sind noch skeptisch und glauben nichts. Noch wurde kein Mehl gekauft, kein Gas geliefert, keine Löhne bezahlt. Vielleicht wird man sie wieder betrügen?

Einige Wochen später, Anruf beim Direktor. In der Fabrik wird wieder gearbeitet.


Weiterführende Links:
Brotfabrik 1: https://bit.ly/2kf3Sh1
Brotfabrik 2: https://bit.ly/2s5rZlT

Über den Autor:
Christoph Brumme, geb. 1962 in Wernigerode (DDR), verfasst Romane und Reportagen u.a. über seine Fahrradreisen von Berlin an die Wolga und zurück. Seit dem Frühjahr 2016 lebt er in der ostukrainischen Stadt Poltawa.