Am frühen Nachmittag des 24. Juli legte das Tankschiff MV “Nemya”, einkommend aus Kavkaz, im ukrainischen Donauhafen Izmail an, es sollte dort löschen und der 15-köpfigen russischen Besatzung ein bisschen festen Boden unter den Füßen verschaffen.

Die Leinen fest, den Transponder an und keine Vorkommnisse auf der Importreise an der Hafenstadt Odessa vorbei sorgten dafür, dass niemand dem kleinen Boot des Grenzschutzes besondere Aufmerksamkeit schenkte, denn seit fünf Jahren tobt der russische Angriffskrieg bereits in der Ukraine, Männer – und Frauen – in Camouflage sind ein Teil des Alltags geworden.

Als die Männer an Bord des Tankers gingen, wurde schnell klar, dass dies keine Routinekontrolle war: Sowohl der ukrainische Grenzschutz DPSU, als auch der ukrainische Sicherheitsdienst SBU hatten das Schiff bereits lange vor dem Anlegen auf dem Schirm.

Die Reisepässe und Seefahrtbücher der Besatzung, sowieso alle relevanten Dokumente an Bord wurden zusammen mit dem Schiff konfisziert, alle Personen an Bord unter Arrest gestellt. Schnell wurde bekannt, warum aus dem Landgang ein Gang hinter schwedische Gardinen wurde:
Sanktionen der Ukraine gegen Russland aufgrund der russischen Aggression wurden verletzt.

Das Schiff wurde 2018 von dem russischen Geheimdienst FSB und der russischen Küstenwache dazu benutzt, die Straße von Kertsch zu sperren, um drei ukrainische Schiffe abzufangen und 24 ukrainische Seemänner – bis heute – als Geisel zu nehmen.

In Anbetracht der Schwere der Taten sollten die Seemänner froh sein, nicht auf hoher See von einem Boardingkommando mit vorgehaltener Waffe festgenommen worden zu sein.
Im Gegenteil, bereits eine Stunde später wurden alle 15 Seemänner in die benachbarte Republik Moldau, dem nächsten, mit einem Direktflug erreichbaren Drittstaat, ausgewiesen und waren noch am gleichen Abend wieder daheim – im starken Kontrast zu den von Russland inhaftierten ukrainischen Matrosen, denen nichtmal die Standards der Genfer Konvention in ihrer monatelangen russischen Haft gewährt werden.

Das Schiff und die Fracht bleiben jedoch in ukrainischer Hand, für das zugrundeliegende Geschäft dürfte sich der Zoll brennend interessieren.

Es dauerte wenige Stunden, bis dieses Ereignis auf die globale Öffentlichkeit in Form der Berichterstattung stieß – der Sicherheitsdienst der Ukraine schilderte den Ablauf akkurat in seiner Pressemitteilung, Russland hingegen beklagte eine Verletzung internationalen Rechts, wohlgemerkt, nachdem Russland seit dem Ende der UdSSR regelmäßig und eklatant internationales Recht gebrochen hat.
Ebenso schnell wurde unter der in sozialen Medien aktiven ukrainischen Öffentlichkeit debattiert, ob dies nun ein Schlag von Präsident Selenski gegen die Russen oder eine zu weiche Haltung des Präsidenten Selenski gegenüber den Russen darstellte.

Abseits dieser populistischen Debatte war das Agieren der Ukraine in diesem Fall recht klug, denn weder hätten 15 Seemänner ohne militärischen oder geheimdienstlichen Hintergrund der Ukraine wesentliche Informationen über russische Operationen oder über Schmuggler mitteilen können, noch sind diese Personen die eigentlichen Drahtzieher des Handels, der den russischen Krieg und die ukrainischen Oligarchen finanziert.
Die meisten Seemänner sind bei dieser Form des Handels ganz unten in der Nahrungskette und austauschbar – Tausende Russen heuern auf Frachtern zur See an, um der Arbeitslosigkeit in Russland zu entkommen. Für jede inhaftierte Mannschaft stehen Dutzende neue Mannschaften in Rostov. Für die russische Propagandamaschinerie wären inhaftierte russische Matrosen eine ideale Vorlage, um der Ukraine Repressionen gegen einfache Arbeiter, ja, Geiselnahme vorzuwerfen. Nun aber muss Russland den starken Kontrast zum eigenen Verhalten erklären.
Es sind die Käufer der Ware, es ist der Spediteur, der die Sendung importseitig abfertigt und der Hafenbetreiber, der diese Schiffe anlegen lässt, die dafür sorgen, dass dieses kriminelle Geschäft blüht.
Ihnen tut die Konfiszierung der Ladung und des Schiffes finanziell weh.

Wenn die neue ukrainische Regierung unter dem Präsidenten Selenski diesen Handel wirksam einschränken möchte, dann muss sie hart und konsequent gegen die Profiteure auf ukrainischer Seite vorgehen – eine Reform des Zolls bietet dafür ideale Möglichkeiten.

Hier sollte die Ukraine auch in Zukunft Fakten schaffen!


Über den Autor:
Raúl Wolfgang Bruning
Jahrgang 1995
Gelernter Kaufmann für Spedition & Logistikdienstleistung.

Engagiert sich seit 2014 aktiv in der Jungen Union, mit dem Schwerpunkt auf Außen- & Handelspolitik.

Foto:
facebook.com/SecurSerUkraine