Praskrovja B. (26) arbeitet für das „Educational Human Rights Hourse“ und stammt aus Yalta (Krim). Vor drei Jahren hat sie die Krim verlassen und ist in den Norden der Ukraine gezogen. Ihre Mutter ist gebürtige Russin, und ihr Vater stammt aus der Ukraine.


Interview:

Praskrovja, du bist eine engagierte Menschenrechtsaktivistin. Die Maidan-Proteste sind mit Sicherheit nicht unbemerkt an dir vorbeigezogen. Was genau ist der Maidan und wogegen haben die Menschen protestiert?

Praskrovja: Also, zu Beginn der Maidan-Proteste war ich gerade in Kanada. Ich habe mich aber dann dazu entschlossen, ungefähr zehn Tage vor dem Referendum, in die Ukraine zurückzukehren. Der Maidan, auch „Revolution der Würde“ genannt, fand Ende 2013/Anfang 2014 statt. Er wird nach dem Maidan Nesaleschnosti, dem zentralen Platz in Kiew genannt, an dem die Proteste ursprünglich stattfanden.

Menschen sind auf die Straßen gegangen und haben sich für Menschenrechte und die Einhaltung der Gesetze einsetzt. Unser ehemaliger Präsident, Victor Yanukovych, war zu dieser Zeit sehr korrupt. Er wollte viele Gesetze wiederrufen und hätte damit die Menschenrechte weitreichend ausgehöhlt. Danach hätte es wahrscheinlich eine ähnliche, wenn nicht sogar schlimmere „Demokratie“ wie in Russland gegeben.

Es gab sehr viele TeilnehmerInnen, so viele, wie noch nie zuvor in der Geschichte der modernen Ukraine. Die Proteste waren weitgehend friedlich. Dennoch wurden einige Leute einfach getötet. Ende Februar wurden mehr als hundert Menschen während den Protesten erschossen. Das ist sehr ungewöhnlich für unser Land. Wir hatten so etwas noch nie erlebt. Weder sind Menschen je zuvor in diesem Ausmaß auf die Straßen gegangen. Gleichzeitig, hätte niemand gedacht, dass das Militär jemals die Bevölkerung angreifen würde.

Wieso hast du dich für eine Rückkehr auf die Krim entschlossen, und inwiefern hat sich die Region in der Zwischenzeit verändert?

Praskrovja: Natürlich hätte ich im sicheren Kanada bleiben können. Aber ich habe mich schon in meiner Jugend sehr für Politik interessiert und war in diesem Bereich ziemlich aktiv. Ich hatte einfach das Gefühl, für mein Land, für meine Stadt, für Yalta, da sein zu müssen.

Als ich also im März 2014 am Flughafen von Simferopol landete, sah ich überall bewaffnete Soldaten herumrennen. Ich wusste nicht, woher sie kamen. Sie hatten kein Identifikationszeichen auf ihren Uniformen. Auch auf den Straßen von Yalta habe ich Soldaten in schlichten, grünen Uniformen gesehen. Es war eine Katastrophe. Ich fühlte mich so machtlos.

Daraufhin bin ich einfach zu einem der Soldaten hingegangen und habe ihn gefragt, woher er sei und was er hier mache. Er antwortete mir freundlich, dass er aus Russland sei und hier ist, um die russische Bevölkerung auf der Krim zu beschützen.

Kurze Zeit nach meiner Rückkehr in Yalta erhielt ich mehrere Anrufe von der ukrainischen Sicherheitsbehörde. Man fragte mich, wieso ich mich ausgerechnet jetzt, kurz vor dem Referendum, dazu entschlossen habe wieder in die Krim zurückzukehren. Nur wenige Leute würden jetzt in die Krim reisen. Sie waren der Meinung, dass ich in Kanada „die Seite“ gewechselt habe und nun für den amerikanischen Sicherheitsdienst arbeiten würde. Ich würde der Ukraine und Russland schaden wollen.

Durch mein vergangenes Engagement in politischen Initiativen und NGOs sowie meiner vorzeitigen Rückkehr aus Kanada, habe ich mich bei den Behörden und einigen Menschen unbeliebt gemacht. Bearbeitete Bilder von mir, mit der USA Flagge auf meiner Stirn, waren plötzlich auf Facebook zu sehen. Ich habe richtig viele Hass- und Drohnachrichten über Whatsapp, Facebook, etc. erhalten. Ich dachte wirklich, ich käme bald ins Gefängnis. Auch jetzt noch habe ich manchmal Angst verfolgt und abgehört zu werden. Aber ich muss und ich will stärker sein.

Wie waren die Leute vor dem Verlassen nach Kanada, und nach deiner Rückkehr?

Praskrovja: Damals war die Bevölkerung der Krim sehr entspannt. Wenige Leute interessierten sich für Wahlen. Wenige Leute waren aktiv in NGOs. Und wenige Leute leisteten Freiwilligenarbeit. Vor allem in Yalta – einer Stadt am Meer, bei den Bergen. Hier haben die Leute einfach ihr Leben gelebt. Jeder hat sich toll gefühlt. Denn die Bevölkerung hier war, wie gesagt, einfach nur gelassen. Es ging allen gut.

Nach meiner Rückkehr aus Kanada auf die Krim, war alles anders. Es war eine komplett andere Atmosphäre. Die Leute waren verstört. Verschreckt. Angespannt. Man hat es ihnen in ihren Augen gesehen. Diese Angst. Ja, diesen Wahn. Wie Zombies. So viel Freude und Aggression zur selben Zeit.

Die Leute sagten: „Oh, wir haben Angst vor den Nazis aus der West-Ukraine. Sie werden kommen und die russische Bevölkerung auf der Krim angreifen.“ Ich wusste, dass das nicht wahr sein konnte und entgegnete: „Habt ihr irgendjemanden gesehen, der plant euch zu schaden? Eurer Familie? Nein. Aber ihr habt die Nachrichten gesehen. Die Medien sagen, dass ihr das Maidan Feuer in Kiew und die Morde auch hier erleben werdet. Und jetzt habt ihr Angst.“


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Das Interview führte Monika Bucha.