Am 17. Oktober gab es an der Polytechnischen Schule in Kertsch auf der von Russland annektierten ukrainischen Halbinsel Krim eine Explosion und Schießerei. Es starben 21 Menschen und mehr als 50 wurden verletzt. Wladislaw Rosljakow, ein 18-jähriger Schüler dieser Berufsschule, soll den Amoklauf verübt haben. Er selbst nahm sich laut den russischen Ermittlern anschließend das Leben. Zunächst leiteten die russischen Behörden Ermittlungen wegen eines “Terrorakts” ein, doch später hieß es, ermittelt werde wegen “vorsätzlichen Mordes”. Der Amoklauf erschütterte auch die Ukraine. Doch weder die ukrainischen Behörden noch Medien können sich vor Ort selbst ein Bild von der Lage machen. Einzelheiten vom Ukraine Crisis Media Center:

Wer war der Täter?

Wladislaw Rosljakow war 18 Jahre alt. Seit 2015 besuchte er die Polytechnische Schule in Kertsch. Nach Informationen in sozialen Netzwerken mochte er Rockmusik und Videospiele, unterstützte die Annexion der Krim durch Russland und die Idee des sogenannten “Neurussland” (Noworossija). Er soll auch den russischen Präsidenten Wladimir Putin unterstützt haben, jedoch gibt es nicht viele entsprechende Posts.

Der Telegram-Kanal “Mash” schreibt, Wladislaws Freunde hätten berichtet, er sei “sehr verschlossen” gewesen. Er habe fast nie mit jemandem kommuniziert, längst alle sozialen Netzwerke verlassen und sich nur noch für “Wahnsinnige” interessiert. Laut “Mash” besaß Wladislaw einen Waffenschein. Letzte Woche kaufte er sich eine Waffe und 150 Patronen. Allerdings ist noch nicht offiziell bestätigt, dass er im Besitz einer Waffe sein durfte. Ein Bekannter von Wladislaw berichtete dem russischen Medienunternehmen “RBK”, dass der junge Mann die Schule “wegen der schlechten Lehrer” sehr gehasst habe. Er habe andeutet, sich an ihnen rächen zu wollen.

Wladislaws Eltern haben sich laut dem Telegram-Kanal “Mash” schon vor langer Zeit getrennt. Gelegentlich besuchte Wladislaw seinen Vater und seine Großmutter. Er lebte aber bei seiner Mutter. Sie arbeitet als Krankenschwester in einer Klinik, in die auch beim Amoklauf verwundete Schüler eingeliefert wurden. An diesem Tag hatte die Frau dort Dienst. Wladislaws Vater, Igor Rosljakow, äußerte sich zur Tat seines Sohnes. Ein entsprechendes Video wurde auf “Mash” veröffentlicht. “Ein Teufel – nichts weiter. Seine Mutter war Zeugin Jehovas. Früher beschäftigte er sich mit Kinderliteratur, Hamstern und Dekor-Ratten. Er war ein Kind”, sagte der Mann und fügte hinzu, er sei seit Tagen bei den Ermittlern, die Mitschüler seines Sohne befragen würden.

Wie in “Columbine”?

Auf Aufnahmen von Überwachungskameras ist zu sehen, dass Wladislaw nach Betreten der Schule die Kleidung wechselte und schließlich ein weißes T-Shirt, eine schwarze Hosen und hohe Stiefel trug.

Diese Kleidung ähnelt sehr der, die Eric Harris trug, der am 20. April 1999 zusammen mit seinem Freund Dylan Klebold an der Columbine High School im US-Bundesstaat Colorado einen Amoklauf verübte. Harris und Klebold platzierten in der Schulcafeteria mehrere Bomben. Als diese jedoch nicht zündeten, begannen sie auf ihre Mitschüler zu schießen. 13 Menschen starben und 23 wurden verwundet. Harris und Klebold brachten sich schließlich in der Bibliothek der Schule um. Der nach der Tat weltweit zu verzeichnende Anstieg an Schulschießereien wird oft als “Columbine-Effekt” bezeichnet, weil viele der späteren Amokläufer das Schulmassaker als Inspiration für ihre eigene Tat nannten. Allein im Jahr 2017 registrierten die russischen Behörden mindestens 12 Vorfälle an Schulen.

Das Vorgehen des Täters von Kertsch ähnelt sehr dem von Harris und Klebold. Auch Wladislaw platzierte einen Sprengsatz im Speisesaal – doch dieser explodierte. Dann schoss Wladislaw auf Menschen in den Gängen und beging wie Harris und Klebold Selbstmord in der Bibliothek.

Widersprüchliche Informationen

In den sozialen Netzwerken waren viele Informationen im Umlauf, die teilweise nicht der Wahrheit entsprachen. Erst wurde von einer Gasexplosion gesprochen, dann von Maschinengewehren und später sprach in einem Video der Schuldirektor von Sprengsätzen. Dann erklärte der von Russland eingesetzte “Regierungschef der Krim”, Sergej Aksjonow, dass Saboteure aus einem benachbarten Staat gekommen seien. Es ist noch nicht klar, ob Wladislaw Rosljakow allein war oder ob ihm jemand half, weil einige Augenzeugen von “Maschinengewehrschützen” sprachen.

Zweifel an Selbstmord

“Was mich beunruhigt? Die Verletzungen an der Leiche des mutmaßlichen Mörders. Ein Zwölf-Kaliber kann nicht solche Verletzungen anrichten. Ein Zwölf-Kaliber bläst den Kopf völlig weg, und der mutmaßliche Mörder hat ein kleines Loch im Kinn”, sagte Oleg Starikow, Sicherheitsexperte und Oberst des Sicherheitsdienstes der Ukraine (SBU) im Ruhestand.

Wie hat die Ukraine reagiert?

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko betonte, der Fall müsse untersucht werden. Er sprach den Familien der Opfer sein Beileid aus. Ihm zufolge sind die Untersuchungen aus Sicht der Ukraine wichtig, da die Krim ukrainisches Territorium sei und die Menschen auf der annektierten Halbinsel Bürger der Ukraine seien. “Und wenn ukrainische Bürger egal wo getötet werden, dann ist das eine Tragödie”, sagte Poroschenko.

Einen Tag nach dem Amoklauf in Kertsch gedachten der Opfer die Abgeordneten des ukrainischen Parlaments mit einer Schweigeminute. Landesweite Trauer wurde in der Ukraine jedoch nicht angeordnet.

Wie hat Putin reagiert?

Der russische Präsident Wladimir Putin bezeichnete die Tragödie als ein “Ergebnis der Globalisierung”. In sozialen Netzwerken und im Internet würden ganze Communities entstehen und alles habe mit den bekannten tragischen Ereignissen in US-Schulen begonnen. “Junge Menschen mit einer labilen Psyche schaffen sich irgendwelche falschen Helden. Das bedeutet, dass wir alle schlecht auf die Bedingungen in einer sich verändernden Welt reagieren. Das bedeutet, dass wir keine notwendigen, interessanten und nützlichen Inhalte für junge Menschen schaffen. Sie greifen nach diesem Ersatz-Heldentum. Und das führt zu Tragödien dieser Art”, sagte Putin.


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