Seit einiger Zeit befrage ich Ukrainer nach ihren Wünschen und Träumen. Eine einfache Frage, doch die Antworten sind oft spannend. Heute fragte ich auch meine Frau. Sie war gerade aus der Stadt gekommen.

„Ich wünsche mir, dass die Schwäne auf dem See vor unserer Datscha leben können! Sie sind so selten bei uns. Dumme Menschen aus dem Dorf fangen sie und essen sie. Die Menschen wissen nicht, was Schwäne für zärtliche Tiere sind. Wenn ein Partner getötet wird, so langweilt sich der andere so stark, dass er sich selbst vielleicht tötet. Mein Vater hat ein Mal gesehen, wie ein Krawallmacher aus dem Dorf einen Schwan erwürgte und danach der zweite Schwan solange mit dem Kopf gegen einen Stein trommelte, bis er tot umfiel. Mein Vater hat so stark geweint, so habe ich ihn niemals weinen gesehen.“

Auf meinen Radfahrten in der Ukraine (25.000 km) war mir immer wieder von dem Problem der leergefischten Seen erzählt worden. Aber dass in diesem seenreichen Land sogar das Überleben der Schwäne gefährdet ist, hatte ich nicht gewusst.

Schwäne werden in der Ukraine sogar im Roten Buch der gefährdeten Arten geführt, erklärt meine Frau. Sie ist die Enkelin eines bedeutenden Biologie-Professors und Tochter einer Geologie-Professorin, ihr Wissen über Steine, Pflanzen und Tiere ist schlichtweg atemberaubend. Sie war am Morgen schon bei der Polizei und forderte dort, den See zu bewachen. Natürlich reagierten die Polizisten zuerst etwas hysterisch, es sei doch nicht ihre Aufgabe, Schwäne zu bewachen!

Man verwies meine Frau an eine andere Abteilung, die Mitarbeiterin dort wollte sie wieder zurückschicken. Sie sei beschäftigt, außerdem lebten in der Oblast Poltawa keine Schwäne. Meine Frau spottete. „Womit sind Sie denn beschäftigt? Sie trinken Kaffee, schmeckt es?“. Die Frau versteckte die Tasse unter dem Tisch. „Schreien Sie nicht! Hier sind Kameras! Man kann Sie hören!“

„Kameras? Wo? Dort? Wofür bekommen Sie Ihren Lohn? Wer hilft den Schwänen?“.
Nun fühlt sich die Frau doch ein bisschen zuständig. Immerhin war auch ihr bekannt, dass die Tiere zu den gefährdeten Arten gehören. Man darf Schwäne also nicht jagen und essen. Meine Frau hat an dem See jedoch einen Mann gesehen, der mit Netzen fischt, was streng verboten ist, unter anderem weil sich Enten und Schwäne darin verfangen können.

Die Frau von der Polizei versteht nun, dass hier möglicherweise eine Straftat vorliegt und dass die Gefährdung der Schwäne auch in der Presse Aufsehen erregen könnte.
Aber sie erklärt, leider sei man dennoch nicht zuständig, sondern die Dienststelle vom Nachbarbezirk. Meine Frau hätte gestern dorthin gehen sollen. Oder sie hätte die 120 anrufen sollen.

„An diesem Ufer des Sees wurde vor einigen Jahren ein Großvater ermordet, weil sein Nachbar behauptet hatte, er habe Pfirsiche aus seinem Garten geklaut. Ich war gestern allein mit meinem Kind, wir haben kein Haus dort, nur Wald und Feld, es war abends, als ich den Mann mit den Netzen sah. Es war gefährlich. Er weiß, dass die Strafen für solches Fischen sehr hoch sind. Warum soll ich jetzt zu einer anderen Dienststelle fahren? Sie haben hier einen Computer, ich zeige Ihnen mit Google-Earth genau die Stelle, wo die Schwäne leben und wo die Netze im See liegen.“
Die Frau kapituliert. Jetzt nimmt sie endlich eine Anzeige auf. Wahrscheinlich wird man doch Polizisten an den See schicken müssen.

Ich bin natürlich stolz auf meine Frau, weil sie so selbstbewusst und schlagfertig auftritt und für das Überleben der Schwäne kämpft.

„In Russland“, sage ich ihr, „hättest du solch einen Skandal nicht veranstalten können. Da hätten sie dich fünf Jahre ins Erziehungslager geschickt. Erinnerst du dich an den Aktivisten, der dort aus Protest gegen den Zaun eines Gouverneurs pinkelte, weil der im Naturschutzgebiet sich ein Schloss gebaut hatte? Wie viele Jahre bekam er? Nicht der Gouverneur, sondern der Aktivist?“

Glücklicherweise ist es in der Ukraine möglich, offen seine Meinung zu sagen, von Behörden Rechenschaft zu fordern und gegen Missstände und Korruption öffentlich zu protestieren. Und vielleicht überleben deshalb auch die Schwäne.


Über den Autor:
Christoph Brumme, geb. 1962 in Wernigerode (DDR), verfasst Romane und Reportagen u.a. über seine Fahrradreisen von Berlin an die Wolga und zurück. Seit dem Frühjahr 2016 lebt er in der ostukrainischen Stadt Poltawa.