Zeugen des Sofas können leicht reden. Sie sollen ja nicht ermordet werden, wie Arkadi Babtschenko. Eine Räuberpistole sei inszeniert worden, heißt es in der Tagesschau vom 31.05.2018. Auch der Präsident Deutschlands, Walter Steinmeier, „dürfte sich düpiert fühlen“. Schließlich hatte Steinmeier sich am Tag zuvor anlässlich seines Staatsbesuches in der Ukraine „erschüttert über den brutalen Mord in Kiew gezeigt“ - der dann doch keiner war, glücklicherweise. Ehrlicher wäre es natürlich gewesen, Arkadi Babtschenko hätte sich ermorden lassen.

Dem Geheimdienst Russlands ist es per Gesetz erlaubt, „Feinde Russlands“ auch im Ausland zu ermorden. Babtschenko ist aufgrund seiner Intelligenz und seiner Glaubwürdigkeit als Soldat, Putins gefährlichster Kritiker. Boris Nemzow konnte man als Hedonisten und Liebhaber schöner Frauen verunglimpfen. Arkadi Babtschenko hat sechs Kindern aus Waisenheimen adoptiert, als Taxifahrer in Moskau gearbeitet und als wehrpflichtiger Soldat und freiwillig im Krieg gegen Tschetschenen gekämpft. Er ist kein Büromensch wie Putin, kein Politiker, dem man unterstellen kann, er wolle nur selbst Macht ausüben und Präsident werden.

Seine Kritik an der Politik Russlands hat aphoristische Qualität, sie eignet sich für Losungen und Foto-Montagen, die man im Internet leicht verbreiten kann. „Das Öl wird billiger, der Sprit wird teurer. Russland steht auf, der Rubel fällt. Die Taiga ist unser, unsere Kartoffeln bekommen wir aus Israel. Wir fördern Gas, in unseren Dörfern heizen wir mit Holz. Wir besitzen Seeligkeit und Heiligkeit, aber jeder zweite ist ein Alkoholiker. Wir bauen die russische Welt auf, gleichzeitig zerstören wir den russischen Donbass.“

Mehr als 300.000 Menschen lesen seine Beiträge auf Facebook und Twitter. „In Russland kommen Leute in den Knast, weil sie meine Facebook-Beiträge teilen“, erzählte Arkadi Babtschenko. Er hat Wladimir Putin als das bezeichnet, was er ist – einen „Mafia-Paten“. Er nannte die Regierung eine „Verbrecherbande“. So etwas verzeiht man im Kreml nicht. Außerdem hat Babtschenko „das Ansehen der Armee geschändet“. Er könne kein Mitleid mit den Toten empfinden, hatte er nachdem dem Absturz des Flugzeugs geäußert, mit dem das Alexandrow-Ensemble der russischen Armee zum Neujahrskonzert zu den russischen Truppen nach Syrien fliegen wollte.

Was hätte Arkadi Babtschenko tun sollen, als ihn der ukrainische Geheimdienst SBU über die Attentatspläne informierte? Sich dem tödlichen Spiel verweigern, wie Moralisten von ihren heimischen Sofas aus jetzt leichthin empfehlen? Die Warnungen ignorieren, wie die in Moskau ermordete Anna Politkowskaja? Schließlich geht es doch um die Glaubwürdigkeit des Journalismus, wenden Kritiker der Aktion ein. „Journalisten sollten nicht mit Geheimdiensten kooperieren“, meint der Vertreter der „Reporter ohne Grenzen“ in der Tagesschau.

Aber hätte Arkadi Babtschenko bei seiner Ermordung nicht mitgespielt, so hätte er dem russischen Geheimdienst die Arbeit in Zukunft erleichtert. Könnte der Plan nicht bewiesen werden, hätten Russlands Propagandisten es leicht, ihn als bösartige Verleumdung abzutun, obwohl Babtschenko in Russland viele Morddrohungen erhalten hat. Nur die Chance der Überführung der Attentäter und der Auftraggeber gewährt Arkardi Babtschenko eine gewisse Sicherheit. Der russische Geheimdienst FSB ist unter Beweiszwang, dass er Babtschenko nicht ermorden will.

Kritiker der vorgetäuschten Ermordung Babtschenkos behaupten, die Informationen in diesem Fall könne man sowieso nicht nachprüfen. Denn es „liegt in der Natur der Geheimdienste, in einer Grauzone zwischen Fiktion und Realität zu operieren“, so (Ivo Mijnssen, Mit ihrer Inszenierung hat die ukrainische Regierung eine rote Linie überschritten.“, NZZ, 01.06.2018, (https://www.nzz.ch/meinung/babtschenko-auch-im-abwehrkampf-gegen-moskau-sind-nicht-alle-mittel-recht-ld.1390324).

Doch nach der Operation folgt gleich die juristische Aufarbeitung. Der Organisator des Attentats hat einen Anwalt, der ihn verteidigt, und er wurde schon dem Haftrichter vorgeführt. Für den ukrainische Geheimdienst SBU ist diese Inszennierung bisher ein großer Erfolg. Nach der Nachricht vom Tod Babtschenkos war der SBU in der Ukraine wieder einmal dafür kritisiert worden, er könne Freunde der Ukraine nicht schützen. Nun hat er offenbar das Gegenteil bewiesen. Und nebenbei beste PR für die Ukraine betrieben.

Endlich wird die Routine der kurzen Meldungen über die ukrainischen Opfer durch angebliche Separatisten im Osten der Ukraine mal unterbrochen. Mögen Moralisten im Westen auch klagen, sie seien betrogen worden und fühlten sich düpiert. Denn selbst wenn man die Geschichte nur in einem Satz zusammenfasst, so hat sie doch zweifellos auch eine komische Komponente. Zumal Babtschenko selbst ja nicht unter einem Mangel an Sarkasmus leidet. „Bis zum Schluss hatte ich richtig Angst, erst im Leichenschauhaus hörte das auf“, schildert er seine Empfindungen.


Über den Autor:
Christoph Brumme, geb. 1962 in Wernigerode (DDR), verfasst Romane und Reportagen u.a. über seine Fahrradreisen von Berlin an die Wolga und zurück. Seit dem Frühjahr 2016 lebt er in der ostukrainischen Stadt Poltawa.