Ich habe Verwandte im Osten der Ukraine – ein Teil meiner Familie lebt in Donezk. Natürlich mag nun die Frage aufkommen, warum Ukrainer immer noch dort leben, aber dafür gibt es durchaus gute Gründe.

  1. Manche haben dort Elternteile oder Großeltern, die bereits sehr alt sind und nicht mehr weg können.
  2. Andere haben sich dafür entschieden zu bleiben, weil sie ihre Heimat nicht kampflos aufgeben wollen.

Ich hatte das große Glück, einen Teil meiner Verwandten diesen Sommer zu sehen und mit Ihnen zwei Wochen zu verbringen. Hier ist ein kleiner Auszug aus erster Hand, wie das Leben unter den „Separatisten“ in der Volksrepublik ist.

Schule

In den Schulen bekommen die Kinder Schulhefte mit einem Bild von Motorola [Arsen Sergejewitsch Pawlow, berüchtigter Milizenführer] auf der ersten Seite. Die Kinder sollen den „Helden“ schließlich nicht vergessen und ihn ehren. In diesem Zusammenhang sind die Bilder von der Beerdigung Motorolas interessant. In den russischen Medien bekam man den Eindruck, dass besonders viele Menschen an der Beerdigung teilgenommen haben. Tatsache ist allerdings, dass besonders Angestellte im öffentlichen Dienst, wie beispielsweise Krankenschwestern, dazu verpflichtet wurden an der „Feierlichkeit“ teilzunehmen. Konsequenzen scheint es aber nicht gegeben zu haben, wenn man nicht gekommen ist.

Weiterhin ist das Erlernen von auseinandernehmen und wieder zusammensetzen von Waffen fester Bestandteil des Unterrichts. Das kennt man noch aus Zeiten der Kriegsvorbereitung im zweiten Weltkrieg.

Ukrainisch steht tatsächlich mit einer Wochenstunde noch im Stundenplan (kann aber auf Wunsch der Eltern ganz abgewählt werden). Allerdings ist es schwierig, Nachhilfelehrer für dieses Fach zu finden, weil viele aus Angst nicht sagen, dass sie fließend ukrainisch sprechen und schreiben können.

"Unsere Hoffnung und unser Halt" (unter dem Putin-Portrait)

"Unsere Hoffnung und unser Halt" (unter dem Putin-Portrait)

Sperrstunde

In Donezk gibt es eine Sperrstunde, die für alle gilt. Anfangs noch von 22:00 Uhr bis 05:00 Uhr, sind es heute 23:00 bis 05:00 Uhr. Auch diejenigen, die Arbeit haben und früh auf Arbeit müssen, haben das Nachsehen und machen sich entweder strafbar oder verlieren ihren Job.

Einer meiner Verwandten hatte einmal seinen Führerschein zu Hause vergessen und musste zur Arbeit. Der „Polizeibeamte“ ging mit ihm zur Wohnung, um den Führerschein zu holen. Als er auf dem Kühlschrank einen ukrainischen Magneten sah, wurde mein Verwandter für 2 Wochen eingesperrt.

Auch eine Mutter hat es sehr unglücklich getroffen. Sie wollte eine Freundin bis zum Nachbarhaus begleiten, allerdings geschah das eine Stunde nach Beginn der Sperrstunde. Auch sie wurde verhaftet und für 24 Stunden eingesperrt. Ihren Einwurf, dass ihr Baby oben in der Wohnung alleine schlief, ließ man nicht gelten und nahm sie dennoch mit.

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Sportpalast der Freundschaft. So wie er zerstört wurde, so steht er bis heute.

Ernährung und Medizin

Eine Verwandte arbeitet als Krankenschwester in Donezk. Sie berichtet von schwierigen Zuständen, da viele junge Ärzte bereits zu Beginn des Krieges in die Ukraine geflohen sind und diejenigen, die noch übrig sind, einfach die Menge der Arbeit nicht bewältigen können. Der Nachschub von Medikamenten kommt aus Russland. Diese sind oftmals entweder abgelaufen, oder sie sind nur noch ein bis zwei Wochen haltbar. In diesem Zusammenhang floriert natürlich die Korruption und der Schwarzmarkt.

Die Lebensmittel, die importiert werden, sind immer abgelaufen. Diese Lebensmittel kommen aus Russland und es sind häufig Wurst- und Käsewaren. Zwar brüstet sich Russland sehr damit, den Donbass zu unterstützen, während es kein anderer macht, aber es scheint eher so, als würde Russland den Donbass als ganz persönliche Müllkippe betrachten.

Arbeit

Die Arbeitslosenzahlen sind sehr hoch und wer Arbeit hat, der klammert sich an diese. Beispielsweise rief einer meiner Verwandten mehrmals täglich bei der Arbeit an, um klar zu stellen, dass er nur im Urlaub sei und seine Stelle nicht besetzt werden dürfe.

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"Republikanische Fahrzeuge"

Krieg

Der Krieg hat einige Spuren hinterlassen, wie auf den Bildern zu sehen ist. Leider wurde auch den Menschen im Donbass schnell klar, dass es in den ukrainischen Reihen viele Spione gab.

Beispielsweise waren 5 Minuten nach einem ukrainischen Angriff sofort die russischen Journalisten vor Ort, um zu berichten.

Widerstand

Widerstand gibt es in vielen Formen. Öffentlichen Widerstand findet man auf der Straße durch blaue und gelbe Tüten, die an Bäume gebunden werden. Innerhalb der Familien werden ukrainische Lieder gesungen und ukrainische Feste gefeiert. In der Öffentlichkeit hält man sich aber zurück, wenn das Herz für die Ukraine schlägt, weil die willkürlichen Verhaftungen die Menschen abschrecken.

Allerdings gibt es auch viele Menschen, die die „Separatisten“ als Erlöser ansehen. Diese Menschen fühlen sich nun „freier“, obwohl sie ein wesentlich besseres Leben in der Ukraine geführt haben und auch viel offener sagen konnten, was sie gut oder schlecht finden. Das übersehen sie und geben die Schuld an ihrer derzeitigen Situation den Ukrainern. Hier leistet die russische Propaganda ganze Arbeit.

1795

Grenzen

Die „Separatisten“ begrüßen Donezker, die in der Ukraine waren, gerne auf Ukrainisch. Wenn man auf Ukrainisch antwortet, wird man festgenommen. Dies dient in erste Linie dazu, um Menschen zu provozieren und ihre wahre „Gesinnung“ zu offenbaren.

Bei der Einreise aus der Ukraine in die „Volksrepublik“ werden die Handys der Menschen durchsucht. Es werden Nachrichten gelesen und Fotos angeschaut. Es soll sich ja kein Widerstand formieren. Bilder mit ukrainischer Symbolik werden gelöscht und die betreffenden Personen in Haft genommen.

Die einzelnen separatistischen Gebiete sind geteilt und akzeptieren das jeweils andere nicht. Aus diesem Grund gibt es innerhalb der Volksrepublik der „Separatisten“ mehrere Grenzen. Durch die willkürlichen Grenzen, ergeben sich skurrile Situationen. Beispielsweise wurde die Siedlung „Верхнеторецкое“ (Werchnjotorezke) geteilt. Der eine Teil gehört zur Ukraine und der andere zur Volksrepublik. Im ukrainischen Teil hatten einmal ein paar junge Mädchen so viel getrunken, dass sie durch die Straßen liefen und „Slava Ukraini“ riefen und „Putin Huilo“ sangen. Dabei verliefen sie sich offenbar und landeten im Gebiet der „Separatisten“, zu denen sie dann „Slava Ukraini“ riefen. Natürlich wurden sie festgenommen und wurden in ein Auto gesetzt, das sie in die nächste Polizeistation bringen sollte. Allerdings verfuhren sich nun ihrerseits die „Separatisten“ und landeten vor den Füßen der ukrainischen Grenzbeamten. Diese konnten sich nun freuen – sie haben ein paar „Separatisten“ in Gewahrsam genommen und ein paar Mädchen „gerettet“.

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Wir haben alle die selbe Heimat - Russland (Anführer der DNR, A. Sachartschenko)

Propaganda

Zum Schluss haben meine Verwandten festgestellt, dass die russische Propaganda grenzenlos ist.

Es wird beispielsweise behauptet, dass der Donbass die Ukraine „ernährt“ habe und ohne diesen die gesamte Ukraine dem Untergang geweiht sei. Wir waren nun im Westen, in Kyiv und in den Karpaten unterwegs. Besonders der westliche Standard der Karpaten zeigt ein ganz anderes Bild. Die Lebensqualität steigt, wenn auch langsam, auch ohne den Osten. Auch in Kyiv gibt es sichtliche Verbesserungen. Vor allem der Ausbau der Straßen bringt für viele eine wesentliche Erleichterung mit sich.


Über den Autor:
Die Autorin des Textes (Anmerkung: Quelle ist der Redaktion bekannt), möchte zum Schutz ihrer Familie anonym bleiben.