Am 27. Dezember 2017 fand im Donbass erstmals seit zwei Jahren ein Gefangenenaustausch zwischen der ukrainischen Regierung und den sogenannten “Volksrepubliken Donezk und Luhansk” statt. Unter den befreiten Ukrainern war auch Ihor Koslowskyj. Der 63-jährige Wissenschaftler gilt in der Ukraine als Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Zwei Jahre verbrachte er unter unmenschlichen Bedingungen im Donezker Gefängnis, darunter in einer Einzelzelle ohne Fenster. Koslowskyj musste auch seitens der pro-russischen Rebellen Folter ertragen. Nach seiner Freilassung gab er zahlreichen ukrainischen Medien Interviews. Eines davon gab Koslowskyj der ukrainischen Internetzeitung “Ukrajinska prawda”. Das Ukraine Crisis Media Center bringt eine verkürzte Übersetzung des Gesprächs.

Ihor Koslowskyj schloss 1980 in Donezk ein Geschichtsstudium ab. 2012 promovierte er als Religionswissenschaftler und lehrte an der Nationalen Technischen Universität Donezk am Institut für Philosophie. Auch nach der Besetzung von Donezk setzte er seine Tätigkeit als Wissenschaftler und Dozent fort. Er reiste oft in die Gebiete, die sich unter der Kontrolle der Ukraine befinden. Unter anderem nahm er an einer Konferenz in Kiew teil und besuchte Abteilungen der Universität Donezk, die in das von Kiew kontrollierte Pokrowsk, nahe Donezk, umzogen sind. Koslowskyjs Ehefrau und die Familie seines jüngeren Sohnes verließen Donezk im Jahr 2014. Der Wissenschaftler selbst war gezwungen, mit seinem ältesten behinderten Sohn im besetzten Donezk zurückzubleiben. Es war zu schwierig, einen Umzug des bettlägerigen Sohnes zu organisieren. Aber Koslowskyj gibt auch zu, er sei geblieben, weil er an eine baldige Befreiung von Donezk durch ukrainische Truppen geglaubt habe. Am 27. Januar 2016 hatten Unbekannte in Donezk versucht, ein Lenin-Denkmal zu sprengen. Dies diente als Vorwand, Koslowskyj festzunehmen. Er verbrachte einen Monat im Keller des sogenannten “Ministeriums für Staatssicherheit der Volksrepublik Donezk”. Danach wurde er ins Donezker Gefängnis verlegt. Erst ein Jahr später wurde der Fall Koslowskyj der “Justiz” übergeben und es wurde ein “Militärtribunal” angesetzt. Am 3. Mai 2017 wurde Koslowskyj schließlich als “unzuverlässiger Bürger” zu 2,8 Jahren Haft verurteilt.

Ukrajinska prawda: Herr Koslowskyj, glauben Sie, dass es im Frühjahr 2014 noch eine Chance gab, alles aufzuhalten? Hätte man die von den Rebellen besetzten Verwaltungsgebäude stürmen sollen?

Ihor Koslowskyj: Chancen gab es. Man hätte sie stürmen sollen. Mir ist klar, dass die meisten Sicherheitsorgane vor Ort die Ukraine verraten haben. Aber auf Donezker Stadtgebiet gab es noch mehrere Militäreinheiten und die hätte man einsetzen sollen.

Glauben Sie auch jetzt noch, dass eine gewaltsame Lösung effektiv wäre? Sollten die Gebiete gewaltsam befreit werden oder wären Verhandlungen der einzig richtige Weg?

Das ist keine Glaubensfrage. Dies ist das Ergebnis komplexer Bemühungen, unter anderem durch das Eingreifen von Großmächten. Hier spielen viele Faktoren auf verschiedenen Ebenen eine Rolle. Auf der einen Seite muss eine starke Armee gebildet werden, um unsere Stärke zu demonstrieren. Damit die andere Seite versteht, dass wir eine gewaltsame Lösung nicht ausschließen und dass unsere Armee in der Lage ist, die Region jederzeit unter ihre Kontrolle zu bringen. Es reicht ein Tag, um zum Beispiel die Stadt Horliwka wieder unter Kontrolle zu bringen. Und in drei Tagen könnte die gesamte Region mit Gewalt befreit werden. Aber auf der anderen Seite würde dies zu menschlichen Verlusten, Zerstörung und negativen Reaktionen im Ausland führen.

Ja, wir wissen, dass während des Zweiten Weltkriegs die sowjetischen Truppen bei der Befreiung von Territorien für mehr Zerstörung gesorgt haben als die Deutschen – es gab massenhaft Opfer. Aber niemand nahm darauf Rücksicht, weil die Aufgabe eine andere war. Wir können nicht so vorgehen, weil wir im 21. Jahrhundert leben. Und drüben leben unsere Menschen und es ist unser Land. Auch wenn die Menschen dort das anders sehen. Daher ist die sinnvollste Option ein konstruktiver Dialog, der kontinuierlich geführt werden sollte, nicht nur auf Regierungsebene im Minsk-Format, sondern auch auf der Ebene der Menschen. Wer dort Bekannte hat, muss mit ihnen reden. Das heißt, es sollte einen Dialog auf der Ebene der gesamten ukrainischen Gesellschaft geben. Aber gleichzeitig, ich wiederhole es, ist es wichtig, parallel eine starke Armee aufzubauen.

Sie gehen also davon aus, dass sich eine Wiedereingliederung der besetzten Gebiete des Donbass lange hinziehen könnte.

Das ist ein Problem, das sich für eine Weile hinziehen wird. Auch wenn dieses Territorium ganz befreit wird und wir wieder bis an unsere Staatsgrenze kommen, was ja die Hauptaufgabe ist, und die Grenze geschlossen wird, dann werden wir dennoch dort Menschen mit anderen Denkmustern vorfinden. Man muss verstehen, dass ihre Häuser zerstört sind und sie Angehörige verloren haben. Und dieses Problem wird noch sehr lang bestehen. Die Befreiung bezieht sich daher nicht nur auf das Territorium, sondern auch auf das Bewusstsein der Menschen.

Was meinen Sie, hat die Anzahl der Menschen, die auch nach vier Jahren Besatzung eindeutig gegen die Ukraine eingestellt sind, eine kritische Masse erreicht?

Die Menschen dort haben drei verschiedenen Einstellungen. Die Anzahl derer, die pro-ukrainisch eingestellt sind, ist den letzten Jahren zurückgegangen, weil viele von ihnen das Gebiet verlassen haben. Dann gibt es die Unterstützer der “Donezker Volksrepublik” oder die Befürworter eines Anschlusses an Russland. Davon gibt es ziemlich viele. Aber die Mehrheit ist eine gleichgültige Masse. Sie will einfach nur ruhig leben, Frieden und Wohlstand haben und dass niemand mehr schießt. Und gerade auf diese Masse muss man Einfluss nehmen. Diese Menschen werden sich egal wem anschließen, der ihnen Frieden und Wohlstand bietet. Das heißt, wenn sich die Ukraine weiterentwickelt und zeigt, dass man mit Bürgern auch anders umgehen kann, wenn sich der Wohlstand in der Ukraine mehrt, dann kann dies zu einem Faktor werden, der diese Menschen beeinflussen wird.

Wie bewerten sie in diesem Zusammenhang die Handelsblockade gegen die besetzten Gebiete und die von der ukrainischen Regierung ausgesetzten Zahlungen von Sozialleistungen und Renten?

Diese Renten haben sich die Menschen verdient. Wenn sie die Ukraine verlassen würden, würde unser Staat die Renten laut Gesetz zahlen. Doch die Menschen sind gar nicht irgendwohin ausgereist. Eigentlich stößt jede Blockade nur ab. Sie trägt auch dazu bei, dass jene gleichgültigen Menschen zu Anhängern Russlands werden. Denn Russland öffnet seinerseits seine Grenzen, ermöglicht die Einreise, auch um dort zu arbeiten. Russland erkennt die Pässe der sogenannten “Volksrepubliken Donezk und Luhansk” an. Jetzt ist auch noch das Verfahren zur Erlangung der russischen Staatsbürgerschaft für diejenigen vereinfacht worden, die aus dem besetzten Donbass kommen. Die Blockade seitens der Ukraine wäre logisch, wenn die russische Grenze geschlossen wäre. Dann wären die Rebellen gezwungen, unsere Bedingungen zu akzeptieren. Deswegen ist das keine Blockade, wir stoßen die Menschen einfach ab.

Sie haben anderen Gefangenen geholfen, die Haft psychisch zu ertragen. Wie kann man eine solche Gefangenschaft überleben und dabei noch den Verstand bewahren?

Mit der Liebe von Verwandten und Freunden. Auch eine reiche eigene innere Welt hilft dabei. Wenn ein Mensch nur über eine begrenzte innere Welt verfügt, dann wird es für ihn sehr schwierig zu überleben. Es gab auch solche, die das nicht ausgehalten haben. In unserem Trakt saß ein Mann, nur weil er seine Wohnung an jemanden vermietet hatte, der zuvor wegen Spionage festgenommen worden war. Dem Vermieter wurde mit lebenslanger Haft gedroht. Ich hatte ihn im Frühjahr gesehen. Vier Monate später erfuhr ich, dass er sich das Leben genommen hatte. Die Haftbedingungen selbst waren erdrückend: eine kleine Zelle, so breit wie ausgestreckte Arme. Das war der 10. Gefängnistrakt, wo in der Sowjetzeit “Todeskandidaten” und später zu lebenslanger Haft Verurteilte saßen. Aber mit Gebeten, Meditation und Yoga begab ich mich in eine gewisse innere Welt. Das habe ich auch anderen beigebracht. Ich zeigte ihnen Atemübungen und unterstützte sie generell psychologisch. Hauptsache ist, sich das Ziel zu setzen, um jeden Preis zu überleben.


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