Vor einigen Tagen habe ich in der von mir abonnierten englischsprachigen ukrainischen Zeitschrift KyivPost zunächst einen Artikel des aus der Diaspora stammenden ukrainischen Experten Motyl gelesen, danach einen Op-Ed als Replik.

Besagter Op-Ed hatte, neben inhaltlicher Kritik, vor allem den Unterton, dass Motyl als Mitglied der ukrainischen Diaspora gar nicht in der Lage sei, die Situation in der Ukraine adequat zu kommentieren.

Eine meines Erachtens nach gefährliche und propagandistische Ansicht, die unmittelbar an die langjährigen Diffamierungen gegen die ukrainische Diaspora durch die Sowjetdiktatur und den als ukrainischen Präsidenten gewählten russischen Statthalter Janukowitsch erinnern.

Sie reiht sich nahtlos in die jüngste Attacke der Präsidentschaftskandidatin Timoschenko auf die aus der Diaspora stammenden Gesundheitsministerin Uliana Suprun, der Timoschenko schlechtes Ukrainisch, ein Mangel an Russisch und ihre Herkunft aus der Diaspora vorgeworfen hatte, ein.

Laut jüngsten Schätzungen leben rund 20 Millionen Menschen mit ukrainischen Wurzeln im Ausland, die größte Gruppe außerhalb Europas lebt mit zwei Millionen in Nordamerika, wo die ukrainische Diaspora vor allem in zwei Wellen aus der damals durch das Zarenreich und die Sowjetunion unterdrückten Ukraine Ende des 19. Jahrhunderts und Mitte des 20. Jahrhunderts übergesiedelt ist.

Für diesen Artikel werde ich mich auf das Verhältnis zwischen der nordamerikanischen Diaspora und der Ukraine konzentrieren.

Sowohl in Kanada, als auch in den USA, sind die Ukrainer seitdem eine politisch und wirtschaftlich aktive ethnische Minderheit, die sich vor allem auch der eigenen zweiten Heimat verpflichtet sieht.

Diverse gewählte Abgeordnete und Mitglieder der Exekutive, Legislation zum Thema Verbrechen der UdSSR, Unterstützung der modernen Ukraine in der Abwehr des russischen Angriffskrieges, kulturelle Aktivitäten, zum Beispiel diverse Festivals, Tanzgruppen, Kulturvereine und Verbreitung der ukrainischen Sprache in der Diaspora sind nur Beispiele der Aktivitäten der ukrainischen Diaspora in Nordamerika - mit Chrystia Freeland ist ein Mitglied der Diaspora Kanadas Außenministerin geworden.

Bei aller Kritik, auch von Experten der Diaspora, wie dem von mir überaus geschätzten Dr. Taras Kuzio, ist die ukrainische Diaspora eine der wohl konsequentesten Advokaten der ukrainischen Sache, der Transformation des postsowjetischen ukrainischen Staates in einen modernen, in den Westen integrierten Nationalstaat, der seiner Kultur und Geschichte angemessen Rechnung trägt.

Politisch steht die Diaspora weitestgehend an der Seite des Amtsinhabers oder Oppositionsführers, der die Ukraine als westlichen Nationalstaat mit eigener Kultur, gegensätzlich zur russisch-kolonialistischen Auffassung der Ukraine als Kolonie und Bruderstaat sieht.

Insofern verwundert die aktuelle Unterstützung der Diaspora für den Amtsinhaber Poroschenko wenig, denn dieser hat mit seinem Wahlspruch "Armee, Glaube, Sprache" und der Reform der Armee, der Tomos und der Förderung der ukrainischen Sprache immerhin zentrale Versprechen gehalten.

Sicherlich, aus der Ferne sind die Alltagssorgen des gemeinen Ukrainers schwerer nachzuvollziehen und die Preise für Gas und Lebensmittel dürften wichtiger als die Tomos sein, wenn man mit kleinem Gehalt in einer alten Wohnung lebt.

Aber andersherum lässt sich auch sagen, dass das Leben von Gehalt zu Gehalt, die durch niedrige Gehälter hervorgerufene private Situation oft den Blick auf das große Ganze versperrt - ein Punkt, in dem die Diaspora durchaus Recht hat.

Dennoch, eine Verallgemeinerung aller Mitglieder der Diaspora wäre falsch, auch dort gibt es viele verschiedene Standpunkte und interne Baustellen, wie der Professor Dr. Taras Kuzio regelmäßig anmerkt, zum Beispiel die häufige Abkehr von der Politik und der Fokus auf den Erhalt der eigenen Kultur innerhalb der eigenen Gruppe.

Gleichwohl hatte die Diaspora bislang einen positiven Einfluss auf die seit 1991 unabhängige Ukraine, zuletzt in Form der Unterstützung für den Euromaidan, die ukrainische Armee und gar die Entsendung von Uliana Suprun als Gesundheitsministerin mit beachtlichen Erfolgen.

Für die moderne Ukraine ist die Diaspora nicht nur eine große Gruppe sichtbarer Fürsprecher, sondern auch ein Beobachter und eine Hilfe bei Reformen.

Bei allen inhaltlichen Differenzen, die sich in einer zivilisierten Debatte klären lassen, sollte gerade in der Ukraine nicht vergessen werden, dass ein wachsendes Desinteresse der Diaspora vor allem der Ukraine schaden würde - solche Attacken sind letztendlich ein Bärendienst an der ukrainischen Sache.

Razom!


Über den Autor:
Raúl Wolfgang Bruning
Jahrgang 1995
Gelernter Kaufmann für Spedition & Logistikdienstleistung.

Engagiert sich seit 2014 aktiv in der Jungen Union, mit dem Schwerpunkt auf Außen- & Handelspolitik.