Mal wieder ist die Ukraine im Fokus der Medien, diesmal durch die Präsidentschaftswahl. Lange hatte man nichts von ihr gehört.

Mit Poroschenko und Selenski standen sich in der Stichwahl der aktuelle Präsident und ein Komiker gegenüber, gleichermaßen kontrovers diskutiert.

Vor allem Selenski, ein politischer Neuling, ohne Programm dessen politische Erfahrung sich auf das verkörpern des Präsidenten in einer Fernsehserie beläuft. Zusätzlich wird ihm eine gewisse Abhängigkeit vom Oligarchen Ihor Kolomoyskyi vorgeworfen, dessen Vergangenheit auch ebenso gut der Fantasie eines Hollywood Regisseurs entsprungen sein könnte. Ein Beispiel: Als die ukrainische Regierung 2015 Kolomoyskyis Einfluss auf den größten ukrainischen Öl- und Gasförderer Ukrnafta beschränkt, ließ Kolomoyskyi die Unternehmenszentrale durch seine Privatarmee stürmen und besetzen. Aber auch der noch amtierende Präsident selbst ist durch Roshen und andere Firmen in fragwürdige Privatisierungsprozesse der post- Sowjetzeit verwickelt.

Was jedoch (wenn überhaupt) nur am Rand erwähnt wird ist der „schwelende Konflikt mit Russland“, wie die Tagesschau es verharmlosend bezeichnet. Dass es sich hier um einen seit nunmehr fast fünf Jahren andauernden Krieg handelt wird oftmals verschwiegen.

Was ist da eigentlich los in der Ukraine? Was ist das für ein Krieg und was macht er mit den Menschen?

In den ersten Jahren wurde dieser Krieg regelrecht medial ausgeschlachtet. Man erinnere sich an Bilder von Reportern und Kamerateams im Kriegsgebiet, unzählige Interviews und romantisierende Dokumentationen über Parties und die rauhe, frische Atmosphäre (wie der metaphorische Phönix aus der Asche).

Das war jedoch in 2014 und 2015, nach dem Euromaidan, der „Revolution der Würde“ und der Annexion der Krim. Mittlerweile ist dieser Krieg (oft Konflikt genannt, von der ukrainischen Regierung selbst am Anfang eine „Anti Terror Mission“) in Vergessenheit geraten.

Ich machte mich also auf in die Ukraine, um die Menschen zu treffen, nah am Geschehen zu sein und die Geschichten zu hören. Denn jeder hat eine Geschichte zu erzählen. Jede einzelne Person die ich unterwegs getroffen habe, ist entweder selbst betroffen oder kennt Betroffene. Viele haben Freunde oder Familie verloren, haben alles zurückgelassen. Der Krieg im Osten des Landes und die Annexion der Krim haben eine von Europa weitgehend unbemerkte Binnenmigration nach sich gezogen, die das Land nachhaltig verändert haben.

Nach der Reise durch Österreich, Ungarn und die Slowakei übertrat ich schließlich bei Uzghorod den Grenzübergang und autostoppte weiter nach Mukachevo, wo mein erster Gastgeber auf mich wartete. Ivan hatte von den letzten vier Jahren, seitdem er die Universität verlassen hatte, in Summe nur 3 Monate in der Ukraine verbracht. Mit dem Blick eines Außenstehenden konnte er mir seine Heimatstadt zeigen und erklären. Jedes Mal, wenn das Thema aber auf die Ukraine selbst, den Krieg, oder Politik fiel, konnte ich den Schmerz in seinen Augen sehen. Reisen war für Ivan kein Hobby oder eine Beschäftigung, es war essentiell um der Ukraine zu entfliehen und die Schmerzen mit neuen Eindrücken zu betäuben. „Reisen ist meine Art und Weise damit umzugehen, dass alles um mich herum zerbricht“ bemerkte er als wir uns den Sonnenuntergang vom orthodoxen Kloster aus ansahen.

„Wir sind keine Soldaten, keine Roboter oder Maschinen. Wir sind Lehrer, Lastwagenfaher, Ehemänner und Väter. Wir sind du und ich.“ – Valentyn Ziborov

Am nächsten Tag fand ich mich beim autostoppen in einer unwirklichen Situation wieder. Gestrandet an der Straße im Nichts mit Senioren, die in Zeitlupe mit holzbeladenen Fahrrädern durch das Nirgendwo zogen , hatte ich schon fast aufgegeben und war gewillt den in den Sand gezeichneten Instruktionen zur nächsten Bushaltestelle zu folgen (sinnlos es wären 20 Kilometer gewesen). Da hält auf einmal ein Lastwagen, ein anderer Autostopper taucht aus dem Nichts auf und spricht den Fahrer an. Dieser scheint jedoch deutlich geneigter mich mitzunehmen. Mir fiel als erstes sein schwarze Tshirt mit dem Tryzub auf dem Ärmel auf (schwer zu übersehen, es sieht aus wie ein herabstürzender Falke). Schnell war klar: dieser Mann war im Krieg. Auf die kommenden Geschichten, Bilder, Videos und Emotionen war ich, aus meiner Filterblase kommend nicht vorbereitet. Ich bezweifle auch, dass man sich auf so etwas vorbereiten kann. Wenn es einen nicht mehr überrascht ist man schon ein kaputter Mensch.

Valentyn kämpfte aus Überzeugung, das erste Jahr in einer Freiwilligeneinheit, danach in der ukrainischen Armee. Er hatte erst vor ein paar Wochen wieder angefangen als Lastwagenfahrer zu arbeiten und war ein offensichtlich gebrochener Mensch. „Ich bin definitiv traumatisiert. Sehr sogar. An meinem zweiten Tag im Gefecht habe ich zwei Jungs und ein Mädchen sterben sehen“ sagte er. Besonders um das Mädchen tue es ihm leid, so jung und hübsch, gerade achtzehn. Natürlich kann ich keine dieser Aussagen überprüfen, aber die Angst und die Tiefe in seinen Augen, wenn er während des Erzählens zu mir hinüberschaute sprachen Bände. „Das ist auch meinem Boss aufgefallen. Der meinte direkt am ersten Tag als ich wiederkam: Valentyn ich kann die Angst und die Wut in deinen Augen sehen.“ In den Krieg zu ziehen sei die größte Fehlentscheidung seines Lebens gewesen. Kein Sieg über jedwedigen Gegner könne die Personen aufwiegen, die er habe sterben sehen. 21 seien es gewesen insgesamt. Und am Ende bleiben nicht nur die Erinnerungen sondern auch posttraumatische Belastungsstörungen und die Schmerzen. Wegen seines steckschusses im Rücken, durften die Fenster während der Fahrt nie zu lange auf sein.

„Einmal standen wir mit erhobenen Händen und niedergelegten Waffen den Russen gegenüber, sie haben trotzdem geschossen. Das verfolgt mich in meinen Träumen sehr oft.“

Mit „den Russen“ ist die DNR gemeint, die laut eigenen Angaben aus freiwilligen, pro-russischen Seperatisten besteht. Das tatsächliche Bild sieht jedoch anders aus. Das russische Engagement , auch mit Soldaten ist vielfach bewiesen (hierzu ist die simon Ostrovskys Doku „Selfie Soldiers zu empfehen), wird von russischer Seite jeodch weiterhin geleugnet. „Ich bin eigentlich kein Patriot, und auch kein Nationalist“ sagte Valentyn noch kurz bevor ich ausstieg, „aber was soll man machen, wenn das eigene Zuhause in Gefahr ist? Man muss zur Waffe greifen. Alles andere kann ich mir selbst und meinen Kindern gegenüber nicht verantworten.“

Danach brauchte ich erst mal eine Pause (auch von den Straßen) und ich habe das Gefühl vielen Menschen in der Ukraine geht es ähnlich. Krieg ist schwer und mit jedem Jahr, in dem das zähe sinnlose Sterben weitergeht wird die Last erdrückender. Die Leute wollen oft nicht reden. Sie sind froh um jeden Moment, in dem sie nicht daran denken müssen, was im Osten des Landes passiert. Dieses Verdrängen zeigt sich einerseits durch eine gewisse Stille und Sprachlosigkeit. Andererseits gibt es dieses zwanghafte Weitermachen, den vollen Fokus auf Job, Familie oder andere Projekte, um von morgens bis abends beschäftigt zu sein und ja nicht an den Krieg denken zu müssen.

Was passiert, wenn man das alles an sich heran lässt machte mir Zhenya deutlich. Für ihn war Bewegung ein Katalysator des Erzählens. Während er in den eigenen vier Wänden noch sehr zurückhaltend war brach es geradezu aus ihm hervor, nachdem wir ein paar Meter gegangen waren. „Ich habe drei Suizidversuche hinter mir“, bemerkte er auf dem Weg durch die Stadt. „Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber ich habe mittlerweile, dass ich noch viel zu tun habe.“ Zhenya war mit seiner Mutter und seiner Schwester ein paar Jahre vor dem Krieg auf die Krim gezogen, wo sein Stiefvater im Grenzschutz arbeitete. „Am 24. April (2014) kamen die Kämpfer und haben die Hauptstraßen blockiert. Wir dachten erst das sind Terroristen. Drei Tage später haben wir unsere Sachen gepackt und sind geflüchtet meine Mutter hatte unglaubliche Angst. Die Wohnung in Simferopol haben wir auf dem Papier immer noch. Da wohnen jetzt bloß neue Leute drin. Das sind Russen, die nach der Annexion dort hin gezogen sind und einfach die Schlösser ausgetauscht haben, weil sie wussten, dass wir nicht wiederkommen. Komisches Gefühl, zu wissen, dass wer anders in deinem Bett schläft.“

„Die Leute sterben nicht, sie werden auch nicht getötet, sie verschwinden einfach.“

Jeder scheint seine Form der Katharsis zu haben, der Ablenkung oder Versenkung. Ein paar Kilometer später meint Zhenya in die nachdenkliche Stille hinein: „Weißt du im Endeffekt ist mir egal, wem hier was gehört, das ist nur heiße Luft, Stempel auf Papier. Das einzige was zählt ist der Frieden. Alles was ich will ist Frieden.“ Vielleicht hat er da auch ein bisschen geweint. Gleichzeitig geht das Leben aber auch weiter und man kann nicht immer an Krieg denken. Hlasha schiebt 12 Stunden Schichten im Support Center, wir spielen Kartenspiele und freuen uns über den Frühling. Doch diese Momente halten nie lange, höchstens für ein paar Stunden. Als wir einen Wohnblock im stalinistischen Stil begutachten holt uns die Realität wieder ein. „Ich kannte einen Jungen, aus meiner Klasse, der hat hier gewohnt. Er ist zur Armee gegangen und ein Jahr später verschwunden.“ „Verschwunden?“, frage ich. „Ja, verschwunden. Die Leute werden nicht getötet, sie sterben auch nicht. Sie verschwinden einfach.“

Währenddessen drängt die anstehende Präsidentschaftswahl in den Vordergrund, „bei der wir zwischen nicht eingehaltenen Versprechen und falschen Versprechungen wählen können. Unser System ist so aufgebaut, dass man nur mit Geld im Rücken etwas erreichen kann. Wie soll man da etwas gegen Korruption tun. Alles ist kaputt.“

Und so schließt sich der Kreis: kaputte Straßen, kaputte Menschen und ein kaputtes System.
Zhenya und Hlasha sind sich einig: „Es ist deprimierend in der Ukraine zu leben, wir können es nicht erklären, es ist einfach so.“


Artikel und Foto bereitgestellt von Timo Damm